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 Thesen zum linken Programm (Christel Buchinger)

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Christel Buchinger



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BeitragThema: Thesen zum linken Programm (Christel Buchinger)   Do März 03, 2011 1:50 pm

Anforderungen an ein linkes Programm, das auch feministisch ist…
Die Thesen fußen auf meinem Beitrag „Die Umwälzung der Geschlechterverhältnisse und das Programm der LINKEN“ für das Buch „Alle Verhältnisse umzuwerfen… Streitschrift zum Programm der LINKEN“, herausgegeben von Wolfgang Gehrcke, papyrossa Verlag
Thesen
1. Viele Jahrzehnte lang war es für Sozialistinnen und Sozialisten in Ost und West nicht schwer, frauenpolitisch eine gute Figur zu machen. Auf die eklatante Gerechtigkeitslücke, die für Frauen beim Zugang zu Arbeitsmarkt, bei Bildung und öffentlichem Amt, beim Lohngefälle und der Doppelbelastung durch Familie und Beruf, durch den Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen bestand, fokussierten sich die Kritik und die Alternativvorschläge. Im Westen forderte die Linke das Recht auf Erwerbsarbeit für Frauen, den Zugang zu allen Berufen und Aufstiegsmöglichkeiten, gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit und den dazu unbedingt notwendigen Ausbau der Kinderbetreuungsangebote; im Osten ging man ohne viel Federlesens an die Umsetzung dieser Vorhaben. Aber mittlerweile fordert auch Christina Köhler Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen, Angela Merkel tritt für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein und die CDU sieht sich zähneknirschend genötigt, die von der EU vorgegebenen Ziele nach Verringerung des Lohnabstands von Frauen zu Männern anzustreben. Was bleibt da für die Linke?

2. Was sozialistisch war und was feministisch, das lag lange im Streit. Die Parteien und Gewerkschaften der Arbeiterbewegung in Ost und West verlangten die Unterordnung der Frauenbelange unter die allgemeinen sozialen Belange. Der Kampf der Frauenbewegung für sexuelle Selbstbestimmung und für die Gleichberechtigung homosexueller Lebensweisen war der Arbeiterbewegung suspekt. Die Versöhnung von Sozialismus und Feminismus war nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ein entscheidendes Projekt der Erneuerung der Linken. Es sollte keine Hierarchie der Kämpfe um Befreiung geben und keine Unterordnung der Forderungen von Frauen. Zumindest in der Theorie wurden die patriarchalen Geschlechterverhältnisse als komplexes Unterdrückungsverhältnis nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen jede abweichende sexuelle Identität begriffen.

3. Seit dem Vereinigungsprozess der beiden linken Parteien PDS und WASG zur LINKEN war es nicht einfach, feministisches Gedankengut und ebensolche Politik in der Programmatik zu verankern. Die Programmatischen Eckpunkte und der Prozess ihres Entstehens legten davon Zeugnis ab. Die große und wichtige Politik, die darin niedergelegt wurde, im Osten geprägt durch die Erfahrungen im Sozialismus, im Westen v.a. durch die Gewerkschaften, hatte kein weibliches Gesicht. Schnelle Verbesserungsversuche durch Einbau von Frauenforderungen hübschten den ersten programmatischen Versuch der neuen LINKEN auf, allerdings, wie Frigga Haug formulierte: „Es war mit der Geschlechterfrage wie mit der Petersilie, die man am Schluss nicht vergessen darf.“

4. Nun liegt der Entwurf des zweiten programmatischen Dokuments vor. Auf den ersten Blick ist klar: Die Petersilie wurde nicht vergessen. Ein Verständnis für die sich dramatisch wandelnden Geschlechterverhältnisse in Deutschland, West- und Osteuropa oder gar der Welt und die Konsequenzen daraus, auch für linke Politik, ist allerdings nicht erkennbar. Politik ist aber niemals geschlechtsneutral. Politik wird immer von Männern und Frauen gemacht. Sie ist beteiligt an der Konstruktion der Geschlechterrollen, die sagen, was männlich und weiblich ist, was von Frauen und Männern erwartet wird und welchen Platz in Gesellschaft und Familie ihnen zugewiesen ist. Sie nimmt Einfluss darauf, welche Grade der Abweichung von den Geschlechterrollen es geben soll. Sie bestimmt die Freiheitsgrade für Selbstverwirklichung und Vergesellschaftung. Politik, die geschlechtsneutral daher kommt, ist im harmlosesten Falle unreflektierte Politik, im schlimmsten gut getarnte patriarchale Politik. Wer Gesellschaft bewusst verändern und gestalten will, wer eine andere Politik will, wer eine menschlichere Zukunft will, muss Politik geschlechterbewusst, geschlechtersensibel entwickeln und das Konzept der Konstruktion der Geschlechter ideologiekritisch hinterfragen.

5. Feministische Politik gründet auf der Analyse und Kritik der Geschlechterverhältnisse. Geschlechterverhältnisse mit der Dominanz des männlichen Geschlechts über das weibliche (und alle Abweichungen von der Norm) konstituieren ein Jahrtausende altes Herrschaftssystem, das Patriarchat. Trotz aller Modifizierungen in den Ländern des Westens durch Gleichstellungspolitik ist diese Dominanz bis heute weltweit nicht in Frage gestellt. Umso verwunderlicher, dass der Begriff Patriarchat im ganzen Entwurf nicht einmal vorkommt. Das ist skandalös, denn nicht nur, dass es kein Verbrechen gibt, das gegen Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit verübt wurde, das Frauen nicht erleiden mussten, weil sie Frauen sind, sie sind auch in allen Zwangs- oder Elendslagen stärker betroffen als die vergleichbaren Männer. Und sie sind millionenfach Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Menschenhandel und Sklaverei, Zwangsprostitution und Frauenmord. Dass das Patriarchat in diesem Entwurf nicht vorkommt, ist umso verwunderlicher, als die Herausbildung der PDS auf der Überwindung des Stalinismus und seiner Wurzeln und auf einer gründlichen Analyse des Patriarchats fußte, auch jener patriarchalen Verhältnisse, die in den sozialistischen und kommunistischen Arbeiterparteien aufgehoben waren.
Für die ehemalige Bundesrepublik werden die Ergebnisse einer langwierigen Diskussion des sog. Haupt- und Nebenwiderspruchs ignoriert, die in dem Anspruch mündeten, nicht nur Klassenverhältnisse zu analysieren, sondern auch Geschlechterverhältnisse, sowie die Herrschaftsmechanismen, die daraus entspringen, die darin eingeschrieben sind. Es ging auch darum zu erkennen, zu entlarven, wie über die Bevorteilung der Männer und die Abhängigkeit der Frauen eine soziale und ideologische Basis geschaffen wurde, die den modernen Kapitalismus trug.

6. Ohne Analyse der geschlechtlichen Herrschaftsverhältnisse, also ohne Patriarchatsanalyse bleibt die Analyse der Krise des kapitalistischen Systems, die längst eine Zivilisationskrise ist, unvollständig. Keinesfalls aber lässt eine Analyse der Krise des Patriarchats den Gedanken gültig stehen, dass eine Emanzipation von Frauen über eine Gleichstellung mit den Männern möglich wäre. Die Analyse der Geschlechterverhältnisse als grundlegende gesellschaftliche Verhältnisse ist daher Grund und Ausgangspunkt für die Forderung an ein linkes Programm, die Geschlechterfrage in allen Politikfeldern immer mit zu denken, mit zu analysieren und in jegliche Politik einzubauen. In dem Entwurf hingegen läuft alles auf das Ziel der Gleichheit der Geschlechter hinaus. Die Befreiung der Frauen, ihre Emanzipation wird nur als Gleichstellung mit den Männern gedacht, ist offenbar mit der Gleichstellung mit den Männern beendet. Ganz zu schweigen von der notwendigen Emanzipation der Männer, der kein Gedanke gewidmet wird.

7. Der Programmentwurf erkennt nicht, dass die Geschlechterverhältnisse hier und weltweit zur Fessel der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung geworden sind. Im Unterschied zu den politischen Gegnern. Die Neoliberalen haben mit Gender Mainstreaming längst ein Konzept adaptiert und es für ihre Bedürfnisse zurecht gestutzt, das ihnen hilft, die überkommenen Geschlechterverhältnisse zu überwinden, ohne eine grundlegende, sozial fortschrittliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu riskieren. Sie haben schneller und umfassender als DIE LINKE verstanden, dass eine Politik, die auf die Veränderung der Geschlechterverhältnisse zielt, nur so entwickelt werden kann, dass sie von Anfang an und in allen Bereichen integriert entwickelt wird. Denn die Geschlechterverhältnisse und ihre Widersprüche treten nicht nur offen zu Tage, sondern sind eingewoben in die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Sie haben äußere, sichtbare Seiten und innere, nur durch Analyse und Kritik erkennbare Seiten. Das geht weit über Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe hinaus, deren Realisierung sowieso meist den Frauen obliegt, wenn es nicht sogar eine Beerdigung der Aufgabenstellung bedeutet.

8. Die überkommenen Geschlechterverhältnisse sind aber nicht nur eine Fessel für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung, sie sind auch eine Fessel für die Entwicklung der fortschrittlichen Kräfte, für die Entwicklung von Alternativen und Auswegen. Dies wären zentrale und vorrangige Aufgaben der LINKEN. Ein Prozess der Politikentwicklung, der Geschlechtergerechtigkeit grundlegend einbezieht, kostet Zeit und Mühe, und es kommt hinzu, dass es Gedanken gibt, die du nicht zu Ende denken kannst, ohne dein Leben zu verändern. Schon die Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen muss zu Kritik und Veränderung der eigenen Organisationskultur und zum Verlust von Macht bei Männern führen. Ja, das fordert auch von Männern, ihr Leben zu verändern.

9. So erfolgreich die Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre war, so sehr ihre Forderungen im Mainstream von Politik und Gesellschaft angekommen sind und teils umgesetzt werden, so emanzipiert sich junge Frauen fühlen, das Ansehen des Feminismus hat dadurch nicht gewonnen. Im Gegenteil, das Aufgreifen von Frauenforderungen war verbunden mit der sorgfältigen Pflege des Feinbilds der männerhassenden, geifernden, hässlichen Feministin. Moderne junge Frauen wollen so nicht sein, also grenzen sie sich ab. Dabei eifern sie genauso einem vorgegebenen Frauenbild nach wie ihre Großmütter in den Fünfzigern und Sechzigern. Nur dass die Großmütter mit Unterordnung, Einschränkung, Fleiß, Sauberkeit und Maulhalten Chancen hatten, dem Bild zu entsprechen. Den jungen Frauen heute wird gleichberechtigte Teilhabe und Wahlfreiheit versprochen bzw. sie versprechen es sich selbst, die Realität aber bleibt, dass Frauen ein Mehrfaches leisten müssen, um das Gleiche zu erreichen wie Männer, sie dies aber nicht gesellschaftlichen Fußangeln und Bremsen zuschreiben, sondern sich selbst, ihrem Versagen. Die Bremsen und Fußangeln sind ja auch nicht so leicht zu identifizieren wie noch in den Siebzigern. Sie zu erkennen bedeutet eine Menge Analysearbeit.

10. Frauen tragen nicht nur einen Großteil der unbezahlten Arbeit, sie tragen auch einen großen Teil der Ökonomie. Sie sind die Hauptakteurinnen in der Ökonomie der Sorge, der Pflege, der Bildung, der Medizin. Dort sind sie eine Macht, eine schlafende Riesin. Die wenigen gewerkschaftlichen Kämpfe lassen es ahnen. Diese gesellschaftlichen Bereiche ächzen unter dem Diktat des Profits, es sind die Bereiche, die als erste davon befreit werden müssen. Die BefreierInnen sitzen nur vermeintlich in den Parlamenten. Aber ohne die Frauen, die dort arbeiten, wird es nicht gehen, und zum Glück werden sie sich dessen mehr und mehr bewusst.

11. Der Entwurf macht Männerprobleme nicht sichtbar. Aber Männer haben Probleme und sie sind ein Problem. Sie sind die häufigsten Opfer von Gewalt und von ihnen geht am häufigsten Gewalt aus. Sie machen das eigene Heim für Frauen zum gefährlichsten Ort – weltweit. Sie provozieren dass Massenelend der weltweiten Prostitution, die auf Sklavenarbeit setzt, auf Gewalt und Mord. Sie laufen Amok, sie töten, indem oder bevor sie sich selbst töten. Selbstmordattentäter, Ehrenmorde, nationalistische Amokläufe zeigen die enorme gesellschaftliche Sprengkraft, die in der Männerrolle liegen kann. Dies ist weitgehend nicht untersucht, z.B. für den Aufstieg des Nazifaschismus, die Kriegseuphorie vor dem Ersten Weltkrieg, die Schlachten oder das Schlachten in Afrika, die neue deutsche Kriegsbereitschaft; auch nicht bei Jung-Nazis, denen der Nationalchauvinismus das verlorene Selbstwertgefühl ersetzt, und bei Gewaltexzessen in der Bundeswehr. Mann sein, fortschrittlich Mann sein geht nicht mehr ohne Dissidenz zur männlichen Mainstreamrolle und zu den patriarchalen Verhältnissen.
Bei Frauen und Mädchen verlaufen die Rollenänderungen oft weniger dramatisch. Sie sind gewandt im Anpassen. Das ist der Grund, warum sie in unseren schlechten Schulen besser überleben. Bei den Jungs steht aber auch mehr auf dem Spiel. Ihre alten Rollen waren machtbesetzt. Macht per Geburt. Ihr Scheitern ist nicht nur Scheitern, sondern Machtverlust. Und ihr Scheitern ist vorprogrammiert, weil gerade die Machtbesetztheit ihrer Rolle einem flexiblen Weg entgegensteht. Frauen und Mädchen steht sogar die Opferrolle offen; selbst diese Rolle verschafft ihnen noch eine fragwürdige Anerkennung. Nicht so bei den Jungs. „Du Opfer!“ ist eine ernst gemeinte Beleidigung, ein Schimpfwort, schlimmer als Arschloch oder schwule Sau. Opfer sein, heißt kampfloses, feiges, unterwürfiges Versagen. Eine Schmach – und das ist die bittere Ironie – die oft nur durch das Selbstopfer abzuwenden ist.
Auch linke Politik betrachtet Gewalt überwiegend als ein Ausnahmephänomen, nicht als ein geschlechter- bzw. männerpolitisches Grundproblem. Die Veränderung der Männerrolle wäre eine Befreiung.

12. Was wir heute erleben an Abbau sozialer Dienste und Sicherheiten ist die Demontage, die Zerstörung dieses fordistischen Wohlfahrtsstaates, ist die Aufkündigung des Klassenkompromisses durch die Kapitalseite.
Die Automation und die Informations- und Kommunikationstechnologien haben menschliche Produktions-Arbeit in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in nie da gewesenem Umfang überflüssig gemacht und dieser Prozess schreitet fort. Die soziale Basis des Klassenkompromisses schrumpft, weil die Zahl der Träger auf Seiten der Arbeit sinkt und es sinkt das politische Gewicht ihrer Gewerkschaften. Aber auch die Emanzipationsbestrebungen von Frauen, von Jugendlichen, Homosexuellen und Transidenten, die den fordistischen Wohlfahrtsstaats als Gefängnis empfanden, setzten seine Aufhebung auf die Tagesordnung. Den Geschlechtervertrag hat die Frauenbewegung aufgekündigt. Es hat also auch von daher keinen Sinn, von einer Rückkehr zum rheinischen Kapitalismus zu träumen, die eigenen Frauen werden dahin nicht zurück wollen. Der gegenwärtige Demografieknick, über den so ausgiebig gejammert wird, ist Ausdruck der Krise des fordistischen Systems, der Überlebtheit der Ernährerfamilie und der Unmöglichkeit Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.
Weiten Teilen der Linken fehlt diese Analyse. Und das ist kein Zufall. Eine wichtige soziale Basis der neuen LINKEN, eingebracht vor allem durch die WASG, sind jene Träger des fordistischen Klassenkompromisses auf der Seite der Arbeit. Diese hatten Vorteile nicht nur durch ihre höheren Löhne und sichere Arbeitsplätze, sondern auch durch die Bequemlichkeiten einer Versorgerehe, die ihnen zwar die finanzielle, ihren Ehefrauen aber die praktische Versorgung auferlegte. Ihr Teil war die finanzielle Unabhängigkeit, der ihrer Frauen die Abhängigkeit. Ihnen wurde eine Machtposition in der Familie zuteil, Grundlage für jene Verachtung, die häufig bis heute – auch in der LINKEN - den Frauen entgegen gebracht wird. Sie hatten Freiraum für Engagement in der Gesellschaft, der Politik, dem Verein, denn sie waren von Familienpflichten weitgehend freigestellt. Viele wollen diese Vorteile keinesfalls aufgeben und verteidigen sie auch mit ihrem Kampf gegen die Rente mit 67 , der sich um Altersarmut von Frauen kaum kümmert. Jener westdeutsche Aufstand, der sich in der WASG-Gründung manifestierte, brauchte einen Verarmungsschub der männlichen Arbeiter. Arme Frauen, arme Mütter, arme Witwen waren jahrzehntelang unbedeutend. Erst der in die Hartz-IV-Armut abrutschende, 30 Jahre lang malochende Arbeiter machte ein Gerechtigkeitsproblem sichtbar, nicht die sich zwischen Arbeit, Kindererziehung und Geldmangel aufreibende, schon immer arme alleinerziehende Frau. Das Festhalten am fordistischen Klassenkompromiss erklärt, warum bei allen Programmentwürfen mit Mühe und Not noch die feministische Petersilie untergebracht werden kann, aber eine durchgehende Berücksichtigung der Geschlechterfrage nicht nur nicht verstanden, sondern häufig auch abgelehnt wird.

13. Mit der Vier-in-Einem-Perspektive stellen Feministinnen in der LINKEN der Erwerbsarbeit die private Arbeit der Sorge für sich und andere, die Arbeit der Bildung und Selbstbildung und gesellschaftliche bzw. politische Tätigkeit zur Seite und verlangen den gleichen Zugang und die gleiche Verteilung aller Arbeiten sowie der Zeit der Muße auf Männer und Frauen, Erwerbslose und Erwerbstätige. Diese feministische Diskussion der Arbeit muss in der Linken ankommen! Die LINKE braucht einen Begriff von Arbeit, der ausdrückt, dass Erwerbsarbeit nicht voraussetzungslos ist, dass sie der privaten Arbeit bedarf, um überhaupt geleistet zu werden, dass Gesellschaft nur entsteht, wenn freiwillige, unbezahlte Arbeit überall geleistet wird, wenn Menschen lernen, gemeinsam mit anderen Ideen und Wege entwickeln, sich an einander reiben und sich zusammentun, und dass in einer Gesellschaft höchst entwickelter Arbeitsteilung jeder Beitrag wichtig ist.
Was allerdings meint der Programmentwurf mit der Aussage „Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit“? Sie steht gänzlich isoliert am Beginn des Absatzes zu Guter Arbeit, worin dann – logisch - nur die Erwerbsarbeit gesehen wird. Soll dieser Satz in Position gebracht werde gegen die Forderung von Feministinnen, dass über Erwerbsarbeit nicht geredet werden kann, ohne über alle anderen gesellschaftlichen Arbeiten zu reden? Er ist im Übrigen so richtig wie falsch. Natürlich ist Erwerbsarbeit die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte, aber eben nur eine. Die Produktivkraft menschliche Arbeitskraft hat die private, familiäre Arbeit für sich und andere ebenso zur Voraussetzung wie die Selbstbildung. Die immer wichtiger werdende Produktivkraft Wissen oder Wissenschaft ist unmittelbar an Menschen gebunden, ist Eigenschaft des Menschen und in hohem Maße ein Produkt aller menschlichen Tätigkeiten. Selbst in die Entwicklung der technischen Produktionsmittel fließen alle Formen von Arbeit ein.

14. Interessant sind die unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die Feministinnen einerseits und der Entwurf andererseits ziehen. „Einkommen und Vermögen werden durch Arbeit erzeugt und sollen daher entsprechend dem Beitrag zum gesellschaftlichen Arbeitsprozess sowie nach Bedürftigkeit verteilt werden“ – wenn dieser Satz das Gesamt der gesellschaftlich notwendigen Arbeit meint, dann würde das notwendig den Abschied vom rein auf abhängiger Erwerbsarbeit basierenden sozialen Sicherheitssystem bedeuten, also die Diskussion über Grundsicherung oder Grundeinkommen, bedingungslos oder nicht, von der Peripherie der Partei ins Zentrum rücken müssen.
Einig ist man sich noch, dass alle Arten von Arbeit gerecht geteilt werden müssen. Beim rasanten Schwund von Erwerbsarbeit vor allem in den entwickelten kapitalistischen Ländern, stellt sich aber die Frage, wieviel Erwerbsarbeit pro Kopf bleibt, wenn Männer und Frauen, Arbeitende und Arbeitslose die Erwerbsarbeit teilen. Die Feministinnen kommen auf 20 bis 25 Stunden pro Woche. Wie soll diese Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden? Wie der Lohnausgleich? Arbeitszeitverkürzung wird schon jetzt umgesetzt, durch Abbau von Vollzeitarbeitsplätzen und Umwandlung in Teilzeitbeschäftigung oder Minijobs, diese Form der Arbeitszeitverkürzung betrifft ganz überwiegend Frauenarbeitsplätze. Mit anderen Worten: Frauen teilen die ihnen zugestandene Erwerbsarbeit unter sich auf, eine Umverteilung zwischen Männern und Frauen ist demgegenüber unbedeutend.

15. Wenn Frauen in der LINKEN die Vier-in-Einem-Perspektive diskutieren, so tun sie dies häufig noch nur in einem nationalen Bezugsrahmen, mit der Perspektive des reichen Nordens. Aber es geht nicht nur um eine gerechte und deshalb gleichmäßige Verteilung der zum menschlichen Leben notwendigen Arbeiten zwischen Männern und Frauen im globalen Norden, in den reichen Industrienationen, es geht auch um die Verteilung zwischen Nord und Süd, es geht nicht nur um Geschlechtergerechtigkeit, sondern um globale und soziale Geschlechtergerechtigkeit. Dies ist nur möglich, wenn wir die Diskussion um Gute Arbeit mit der um ein Gutes Leben verbinden. Die feministische Perspektive trennt weder die verschiedenen Bereiche der Arbeit noch trennt sie Arbeit von Leben. Wenn die Erwerbsarbeit nicht vom Guten Leben getrennt und auch in der Perspektive der kommenden Generationen und des armen Südens gesehen wird, sind 25 Stunden pro Woche Erwerbsarbeit durchaus realistischer als 35.

16. Die Vier-in-Einem-Perspektive, die globale Perspektive und die Zukunftsperspektive weisen auf die zentrale Forderung nach radikaler Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle hin. Sie weisen auf die Notwendigkeit des Kampfes für individuell und gesellschaftlich selbstbestimmte Arbeit, für den gleichen Zugang aller zu Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Muße hin. Der Kampf für Arbeitszeitverkürzung hat einen besonderen Charme. Die Verkürzung der Arbeitszeit muss sofort auf die Tagesordnung; sie ist eine Reform, die unmittelbare Verbesserungen bringt, die, konsequent verfolgt, in einer radikale Umwälzung der Verhältnisse münden kann und muss.

17. Sozialistischer Feminismus agiert und argumentiert vom Standpunkt von Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit, um die überkommenen patriarchalen Geschlechterverhältnisse umzuwälzen, und stellt, von einem geschlechterkritischen Standpunkt ausgehend, die großen gesellschaftlichen Fragen. Er geht mit einem emanzipatorischen Ziel von den Frauen aus, aber er endet nicht bei den Frauen, sondern bei dem Recht auf Wohlergehen und Entfaltung für alle Menschen. Ein feministischer Standpunkt umfasst deshalb drei Aspekte: einen kritischen Standpunkt, der den überkommenen Geschlechterverhältnissen gilt; einen emanzipatorischen Standpunkt, der eine Beendigung der patriarchalen Dominanzkultur, die Veränderung der Geschlechterrollen und die Selbstveränderung einschließt; und nicht zuletzt einen parteilichen Standpunkt für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten (sozial, kulturell, psychisch). Feministische Politik formuliert nicht Ziele für die Frauen, sondern Ziele für eine menschliche und gerechte (Welt-)Gesellschaft. Die Befreiung aus patriarchaler Abhängigkeit als Selbstbefreiung der Frauen weltweit kann nur als Umwälzung sämtlicher Verhältnisse verstanden werden, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Karl Marx)

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