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 feminismus ist sexy

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frigga



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BeitragThema: feminismus ist sexy   Do Jul 26, 2007 10:47 pm

ich versuchs mit Feminismus ist sexy
und bitte antwortet, wie euch solche bücher gefallen und ob die rezension für euch nützlich ist
herzlich frigga


Stöcker, Mirja (Hg.), Das F-Wort. Feminismus ist sexy. Ulrike Helmer Verlag Königstein/Taunus 2007 (150 S., kart., )

Nach Jahren von Öffentlichkeitsarbeit gegen Frauenbewegung und Feminismus, bei dem nur Alice Schwarzer ausgespart blieb, setzt Thea Dorn mit ihrem Buch >Die F-Klasse< (2006) das Signal für einen neuen selbstbewussten Feminismus derer, die in den gesellschaftlichen Umbrüchen gewinnen. Das vorliegende Buch scheint eine Antwort darauf. In der Konjunktur im Kampf um das Wort Feminismus, in dem vorerst der >konservative Feminismus< der Ursula von der Leyen zu siegen droht, erscheint dieses Buch mit marktgerechtem Titel und provokanter Zusammenfügung von Feminismus mit Sex. Es ist flott geschrieben und liest sich schnell. Fast alle Aufsätze könnten im Feuilleton von FR, oder im Stern oder Spiegel stehen. Insbesondere zwei Texte seien zur Lektüre empfohlen, der eine, weil er Analyse mit Perspektive verbindet (Warnecke), der andere, weil er beispielhaft vorführt, wie kritisch gearbeitet werden kann, scharf und mit Humor (Röder).

Jenny Warnecke (>Das ist mir zu extrem. Eine Generationen-Studie<, 23-40) ficht den Streit um Feminismus unter Verwendung der zeitgemäßen Waffe: der Werbesprache. Sie fordert zunächst ein >neues Produkt-Design< (24): >Fröhliche Haltung<, >selbst gestalten<, >gleiches teilen … im Haus und außer Haus< (24). Die >Grundstimmung< einer jeden Generation sei herauszufinden, in ihr Politik zu machen. Dafür gibt sie (als einzige im Buch) eine einigermaßen stimmige Skizze über die >laute Protestkultur< der 70-Jahre-Feministinnen und der 68er: >das Aufbegehren gegen den Muff der Tradition und gegen die patriarchale Vorherrschaft< und verortet den Erfolg richtig >inmitten des expandierenden Wohlfahrtsstaates< (26). >Auch die Frauenbewegung schaffte den Sprung in staatliche Fördertöpfe und erhielt Eingang in universitäre Gefilde<. (27) Knapp verkündet sie den Tod des Idealismus dieser Generation durch Tschernobyl und Aids, wirtschaftliche Rezession und Arbeitslosigkeit. >Leistungsverweigerung< und >Null-Bock-Haltung< werden zu Markenzeichen der 80er. -– >Gener@tion Netzwerk< wird griffig zum Namen für die mit Handy Heranwachsenden der 90er. Aber >statt zu rebellieren, erobern sie neues Terrain: die Virtualität< (28). Warnecke diagnostiziert eine >allzeit bereite Leistungsbereitschaft<, die sie lustig als >mental immer mindestens auf standby zu sein< charakterisiert bei einer >partnerschaftlichen Erziehung<, netten Eltern, gegen die man nicht rebellieren muss, drohender Arbeitslosigkeit. Die Folge sei für diese Generation >Kombination statt Rebellion<, pragmatische Lösungen von >Konflikten und Rückkehr zu normativen Verhaltensritualen aus der Vergangenheit wie Konfirmation, Tanzschule, weiße Hochzeit usw. (29) Sie wendet den Butlerschen spielerischen Inszenierungsvorschlag aller möglicher sozialer Rollen als Erkenntnis für ein Leitbild der heutigen Generation: >Die Mehrheit der Gener@tion ist in einer Wertepluralität aufgewachsen, von der die 68er geträumt haben.< (30) Dabei sei eine Folge der Spaß an der >Selbstvermarktung<, für den die Klage, Opfer zu sein, die >den Backgroundgesang< des Feminismus ausmache, nicht produktiv sei. Die Antwort auf die Frage, wie um Feminismus noch zu streiten sei, beantwortet sie mit der Auskunft: durch Bindestrich-Feministinnen – unter diesen am ehesten >Cyberfeministin< als >Vertreterin der Netzwerkkinder<. (33) Andere mögliche Bindestriche: die Lektüre-Feministin, die Statistik-Feministin, die Ingeborg-Bachmann-Feministin usw. Alle diese Verbindungen sollen es ermöglichen, sich auf je unterschiedliche Weise streitbar für Frauen an je verschiedenen Punkten einzusetzen, solcherart den Feminismus stark zu machen. (34f) Auf diese Weise buchstabiert sie zugleich eine Bündnispolitik, die sich forschend von Stufe zu Stufe bewegen kann, Zahlen zu Hilfe nehmen, Nahziele besetzen, und ein feministisches Fernziel verfolgen, kurz, den Netzwerkcharakter ernst nehmen und stets neue Aggregate bilden kann. Was in dieser sympathischen und gut zu lesenden Darstellung fehlt, ist eine selbstreflexive Überlegung zur eigenen Funktion in diesen Netzwerken, kurz eine Diskussion über die organischen Intellektuellen in der sich stets im Fluss findenden Bewegung. Hier muss weitergedacht werden.

Ganz anders der Beitrag von Brigitte Röder, Jäger- und Sammlerinnenlatein (69-82), der als Schulbeispiel für einen eingreifenden feministischen Journalismus dienen kann. Ausgangspunkt ist die bei Stammtischen und in BILD und ähnlichen Organen verbreitete Witzkultur über Blondinen, die neuerlich durch angeblich wissenschaftliche Befunde, dass auch Höhlenmänner bereits Blondinen bevorzugten, gestärkt wird. Röder, Professorin für prähistorische Archäologie, weist nicht nur die neuen Befunde als haltlos zurück. Mit leichter Hand führt sie uns durch die hartnäckige Präsenz dieses Mythos robuster Jägermänner, welche die Nahrung für die hungrig am heimischen Feuer wartenden Ehefrauen und Kinder bringen, nicht nur im Alltagsverstand, auch in vielen aktuellen Debatten um Trennkost und Blutgruppendiät, >bis hin zu Erläuterungen, was unter pervertierter Weiblichkeit bzw. Männlichkeit zu verstehen sei< (75). Kurz, sie zeigt, wie ungebrochen von einem angenommenen urgeschichtlichen Anfang Bilder von natürlichen Männern und Frauen tradiert sind. Exemplarisch zerlegt sie die Trashkultur wie den Bestseller von Barbara und Allan Pease, (>Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht parken<), verkaufte Aufl. 20 Millionen (75f), mit ihren einfachen Lösungen und schlichten Ursachen aus der Urgeschichte. Das gleiche Muster bleibt hartnäckig auch bei Eva Hermanns Bestseller, wo jeweils >Chaos und Verwirrung< (76) eintritt, wenn das alte >schöpfungsgewollte< Muster vom Beutejäger und der Nesthüterin durchbrochen wird, und Harmonie einkehrt, wenn urgeschichtliche Idylle wieder hergestellt ist. Das Muster zieht sich fort bis zu Sloterdijk. Während Hermann feministische Frauen als Abweichlerinnen brandmarkt, sind seine Sorge die Männer. Launig formuliert er, dass der Mann zur Abtötung des >inneren Jägers einem Sedierungsprogramm< unterworfen wurde, während Frauen als >herkunftsmäßige Sammlerinnen< auf dem kürzesten Weg zur Konsumentin werden, >die in ihrem Korb etwas heimbringt< (78f). Zum Ursprung dieses fruchtbaren Mythos der ursprünglichen Geschlechterrollen gibt Röder lakonisch Auskunft: Es ist die bürgerliche Gesellschaft, in der >die Urgeschichte als fiktiver Ort fungiert, an dem die bürgerlichen Geschlechterrollen< betrachtet werden können.(79) >Mythen sterben bekanntlich erst, wenn sie ihre gesellschaftliche Funktion verloren haben.< Es wird dauern, >bis sich unser urgeschichtliches Traumpaar nach 200 Jahren intensivster Öffentlichkeitsarbeit in den längst verdienten Ruhestand zurückziehen< kann. (79)Das ist genussvoll zu lesen und erhöht die Lust, an allem zu zweifeln, was als ursprüngliche Wahrheit daherkommt.

Die anderen neun Aufsatze, drei von Männern, sind teils zu harmlos, teils ärgerlich naiv, so etwa, wenn empört darauf verwiesen wird, dass die aktuellen Forderungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus dem Feminismus kämen, also das Copyright eingeklagt wird, statt zu fragen, was es bedeutet, wenn radikale feministische Forderungen im mainstream landen. Meist werden über den 70er-Jahre-Feminismus ungeprüft Klischees weitergereicht, etwa dass die Frauen der 68er extra männlich und hässlich auftraten – das >Trauma des Kampf- und Mannweibes< (129) - , mit Tropfkerzen an Holztischen saßen, bzw. am Lagerfeuer feministische Lieder sangen (dies im Text einer Verf., die für ein sorgfältigeres Bild über die Lesben streitet) usw. Man kann hier immerhin lernen, dass es notwendig ist, historisch-kritisch zu verfahren, weil man sonst nicht bloß der Bewegung Unrecht tut, sondern selbst in hilfloser Langeweile, folgenloser Klage und halbherzigem Rufen nach Neuem endet. Man erfährt, was man wusste, über magere Models und Siliconbusen; liest erstaunt, dass neue Frauen stolz sind, wenn ein Mann ihnen das Taxi zahlt, erfährt, dass Frauen in der Politik einen grauen Anzug mit Bügelfalte tragen müssen, wenn sie etwas werden wollen (127), und denkt verwirrt an die kurzen Röcke der Condoleeza Rice oder die betont femininen Gewänder der Frauen in der alteinamerikanischen Politik; man liest, dass die Frauenbewegung >gescheitert< sei (103), und fragt sich, was als Erfolg erkannt wird, und eine schreibt, dass die Aktivistinnen >selbsternannt< waren, als sei das ein möglicher Vorwurf und, kontrafaktisch, dass die Frauengruppen aus den Kommunen kamen (99), und kann sich schließlich überzeugen lassen, dass die Frauen nicht Schuld sind am Geburtenrückgang. - Der Untertitel vom sexigen Feminismus verdankt sich den Texten von Daniel Haas: >Fürs aktuelle Outfit kombiniert Frau marktgängige Sexiness mit autoritärem Charakter, sichert sich vorm freien Fall in die moralische Korruption aber mit wertkonservativen Gewissheiten< (114f); und ferner Sebastian Horndasch, der versichert: Auch politische Frauen lieben Männer: >Es besteht gar kein Widerspruch zwischen Sexyness und Feminismus< (132), usw. und >Feminismus ist keine reine Frauensache< (138).

Auf der Stelle, wo der Feminismus entsorgt wurde, entstehen Versuche wie dieses Buch, brauchbar und klug, konform und langweilig, halbherzig und seicht. Es braucht noch viel Arbeit und eine neue Bewegung, damit Feminismus wieder ein Kampfbegriff für viele werden kann.

Frigga Haug (Los Quemados),

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